Silk City Gallery


Gesellschaft formen durch Gestalten

Kuratorisches Konzept für die künstlerische Projektleitung der Silk City Gallery im Joseph-Beuys-Jahr

Bevor ich mein kuratorische Konzept der Silk City Gallery vorstelle, möchte ich gerne auch die Vorgeschichte dazu erzählen:

Ich bin im Juni 1986 also im Todesjahr von Joseph Beuys geboren. Wir hätten uns quasi beide den Hut ziehend auf der Schwelle zum und vom Leben begrüßen können. Leider habe ich keinerlei Erinnerung an eine solche Begegnung. Meine erste Erinnerung zu Joseph Beuys stammt hingegen aus Grundschulzeiten in meiner Heimatstadt Kevelaer am Niederrhein, als mein bester Freund mir amüsiert von einem Kunstwerk berichtete, welches von einer Putzfrau irrtümlich aus einer Ausstellung entfernt wurde. Es handelte sich um die berühmte Fett Ecke von Joseph Beuys. Seine Eltern waren in der besagten Ausstellung in Düsseldorf und haben ihm von der Geschichte erzählt.

Als ich dann viele Jahre später im Mai 2010 bei einem Studienaufenthalt in London eher zufällig über eines seiner Werke bei einem Besuch der Tade Modern Gallery stolperte, erinnerte ich mich sofort wieder an den Künstler der Fett Ecke und an jenes frühkindliche Amüsement.

Das Werk, welches ich dort von ihm sah, war die Installation mit dem Titel: „The pack“ – übersetzt „Das Rudel“, die mich unmittelbar bewegte und die ich zur Erinnerung fotografierte. 3 Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven. Es blieb in dem Moment ein humorvolles Mysterium für mich und war dann doch trotz Fotografie schnell wieder vergessen. Bis ich mich 2019 wieder näher mit dem Künstler befasste.

Silk City Gallery - Gesellschaft formen durch Gestalten
Foto:“The pack“ Tate Modern, London 2010 by FreddArt

Anlass meiner Recherche über Joseph Beuys war ein Diskussionsforum vom Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein und des Kultur Büros der Stadt Krefeld in seiner 70. Ausgabe zum Thema Joseph Beuys mit Magdalena Holzhey und Erik Schmidt am 28. November 2019 in der Fabrik Heder. Dabei kam unter anderem die Frage auf, wo ist Beuys heute? Oder wo sind die Beuys Künstler von heute? Ich stellt mir selbst die Frage und dachte an die 200m entfernte Downtown Gallery – eine Streetart Ausstellung, die über den Sommer für Jeden frei zugänglich war und die ich als gegenwärtiges Beispiel zum Denken anregender kreativer Intervention mitten in unserer Gesellschaft erfahren habe. Als ich zum Abschluss erfuhr, dass 2021 anlässlich seines 35. Todestages und 100sten Geburtstag ein Joseph Beys Jahr in Krefeld zelebriert werden sollte, fasste ich noch am gleichen Abend den Entschluss über die Arbeit des Künstlers genauer zu recherchieren und die Nähe unserer Streetartbewegung zu den Ideen von Joseph Beuys bei einem weiteren bereits in Planung befindlichen Streetart Gallery Projektes der „Silk City Gallery“ sichtbar zu machen und den öffentlichen Diskurs darüber zu entfachen. Ich freute mich sehr, dass das Stadtmarketing Krefeld die Idee sehr begrüßte. 

Projektbeschreibung

Die Silk City Gallery wird als 4. Streetart Gallery Projekt im Rahmen des Krefelder Perspektivwechsels vom Stadtmarketing Krefeld veranstaltet und in Zusammenarbeit mit mir als künstlerische Leitung sowie mit zahlreichen professionellen Streetartkünstlern und weiteren Partnern umgesetzt. Die Veranstaltungsreihe erlebt ihren Höhepunkt im Beuys Jahr 2021.

Voraussichtlich 30 lokale, nationale und internationale Künstler*Innen werden unter dem Motto „Gesellschaft formen durch Gestalten“ im Miteinander aber in der je eigenen Stilrichtung durch erlebbare und zum Nachdenken anregende Malerei die Gebäudefassade des Seidenweberhauses in Krefeld gestalten.

Das Besondere ist, dass unter meiner Leitung das Miteinander selbst, also der co-kreative Prozess dabei zur Kunst und zum Ereignis wird. Bildideen, Gedanken und Konzepte der Künstler treffen aufeinander, inspirieren, werden weitergedacht, gemeinsam ausgearbeitet und erst vor Ort finalisiert. Besucher*Innen und Passant*Innen werden Teil eines öffentlichen  kommunikativen Begegnungsraumes, bei dem Kunst durch ihren Eingriff in die Gesellschaft zum sozialen Prozess wird.

Und schon sind wir bei dem Geburtstagskind Joseph Beuys, der diesen sozialen Prozess die Gestaltung der sozialen Plastik nannte. Aber nicht nur an dieser Stelle kann man eine Verbindung zu Beuys Gedankengut bei diesem Projekt erkennen.

Bei meiner Recherche erfuhr ich, dass laut Joseph Beuys gerade Notsituationen großes kreatives Entwicklungspotenzial bergen. Das sind hoffnungsvolle Nachrichten, denn wir erleben gerade hautnah zahlreiche Krisen: Z.B. eine enorme Gesundheits-, Klima-, Umwelt- und Wirtschaftskrise sowie eine Verstummung und Existenzkrise des Kunst und Kulturbetriebes.

Ein starker Standort mit Symbolcharakter in einer besonderen Krisenzeit

Das Seidenweberhaus ist ein Veranstaltungshaus der Stadt Krefeld, in dessen Räumlichkeiten neben Messen, Tagungen und Konferenzen auch bereits zahlreiche Kunst- und Kulturveranstaltungen stattgefunden haben. Es war somit immer ein Ort der Zusammenkunft, des gesellschaftlichen und kulturellen Austausches und der Kommunikation. Das Gebäude soll in naher Zukunft abgerissen und durch dieses Kunstprojekt öffentlich verabschiedet werden. Der dem Gebäude bevorstehende Abriss, unterstützt durch seinen Symbolcharakter unterschwellig die Vergegenwärtigung und Verstärkung des Gefühls einer Notsituation.

Projektfolge als Zeichen künstlerischer Invasion und Intervention in der Gesellschaft

Der terminliche Zufall will es wohl so, dass unsere Gallery Projektfolge gerade im Beuys – und Krisenjahr, einen Höhepunkt der künstlerischen Intervention inmitten der Gesellschaft erfährt.

Denn wenn man mal zurückblickt bemerkt man, dass die Streetartkünstler*Innen 2015 bei der Wood Art Gallery zunächst noch im naturnahen Stadtrandbezirk am Hülser Berg gewirkt haben, sich aber 2017 mit der Rhine Side Gallery bereits in dem Stadtteil Krefeld Uerdingen, einem bewohnten Wohn- Wirtschafts- und Industriestandort künstlerisch ausdrücken durften. Noch etwas im Verborgen und teils unterirdisch transformierte die Künstler*Innengruppe 2019 dann eine Bunkeranlage in der Stadtmitte Krefelds in die Down Town Gallery, die eine verbildlichte Gesprächsrunde über gegenwärtige Gesellschaftsprobleme und Zukunftsutopien darstellte.

Ähnlich einer stetig voranschreitenden künstlerischen Stadtinvasion bzw. ähnlich dem Konzept „the pack“ von Joseph Beuys, ein Schlittenrudel, welches zur Rettung in der Not ausschwärmt, wird die Künstler*Innengruppe in diesem Jahr mit der Gestaltung des Seidenweberhauses nun auch künstlerisch inmitten des öffentlichen Raumes des Stadtzentrums intervenieren.

Diesmal werden an einem Ort der Zusammenkunft, des gesellschaftlichen und kulturellen Austausches und der Kommunikation starre Betonstrukturen optisch aufgeweicht, geformt und mit Kunst verändert.

Von der künstlerischen Transformation des Gebäudes hin zu einer Transformation des öffentlichen Raumes und Lebens

Das Projekt regt in diesem Beuys Jahr ganz besonders die Diskussion an, in wieweit einige Grundideen von Joseph Beuys in der Streetart Gallery Reihe einen lebendigen Widerhall erfahren. Es soll durch die Projektreihe erlebbar und nachvollziehbar werden, dass Streetart inmitten unserer Gesellschaft im Stande ist, breite Teile der Gesellschaft zum Nachdenken und zu Perspektivwechseln anzuregen und damit zu formen und zu gestalten. Ziel ist es neben der Begeisterung für diese Kunstform, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie wichtig es ist, mit Kunst und Kultur im öffentlichen Raum kreative und sinnstiftende Impulse auszulösen, Begegnungen, Meinungsäußerungen und Diskussionen zu ermöglichen, sowie Menschen zu motivieren und zu befähigen selbst im Rahmen ihrer Möglichkeiten künstlerisch, kreativ tätig zu werden. Auf diese Weise kann jeder die Gesellschaft mitgestalten und ganz im Sinne von Joseph Beuys einen Teil seiner Verantwortung für sein Leben und die Welt tragen.  

Jeder Künstler zeigt seine eigene Welt, seine Utopien, Erfahrungen, Empfindungen und Sehnsüchte. Es gibt so viele Darstellungen und Möglichkeiten, wie es Künstler gibt und aus diesem Pool kreativer Energie und Gedankenanstöße müssen wir schöpfen, denn sie regen die Menschen unserer Gesellschaft zum Nachdenken, zum Fühlen und manchmal auch zum Handeln an.

Gerade vor dem Hintergrund der derzeitigen Corona bedingten Verstummung und Existenzkrise des Kunst- und Kulturbetriebes versucht das Projekt somit auch die gesellschaftliche Aufgabe und Systemrelevanz des Kunst- und Kulturbetriebes vor Augen zu führen.

Über diese einzigartige Gelegenheit und auch über das Vertrauen welches der internationalen Künstlergruppe und mir von Frau Neidhardt der Leiterin vom Stadtmarketing Krefeld und Herrn Keusch dem Leiter des Seidenweberhauses entgegengebracht wird, freuen wir uns sehr.  

An dieser Stelle wird in Kürze auch Bild- und Videomaterial vom Projekt erscheinen

Eine Künstlervorstellung kann man bereits unter folgendem Link finden:

https://www.krefeld.de/de/stadtmarketing/silk-city-gallery/

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